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Team Sprint Nagano 2012Thomas Schubert mit dem Sprintteam in Nagano 2012. Mit dabei u.a. seine Schützlinge Samuel Schwarz, Jenny Wolf und Monique Angermüller.
Foto: Archiv
Pünktlich, wie immer, rollte Thomas Schubert in seinem Alfa Romeo vor die Eisschnelllauf-Arena im Berliner Sportforum. Das war am Mittwoch dem 31. Mai. Die Fahrt auf alten Wegen war mehr die Macht der Gewohnheit. In der Eishalle gähnt der Beton im Sommerschlaf vor sich hin. Die Athleten sind auf Rollern oder Rädern unterwegs. Thomas Schubert wollte eigentlich auch nur den Kollegen Tschüss sagen, nicht für immer, aber als DESG-Trainer. „Ich bin jetzt offiziell Rentner und mach die nächsten drei Wochen total auf Ruhestand mit Kochkurs und Gartenarbeiten“, verrät der 65-Jährige. Doch Schubi, wäre nicht Schubi, wenn er nicht schon wieder Pläne für die Zukunft schmieden würde: „Als Teilzeittrainer bin ich bereit, weiter mitzuhelfen, dass unsere Sportler bald wieder mehr auf den Podesten internationaler Meisterschaften zu sehen sind.“

Gerade er konnte in früheren Jahren oft genug nach den Rennen einem seiner Schützlinge auf die Schulter klopfen und mindestens zu einem Podestplatz gratulieren. So bei Weltcupstar Samuel Schwarz oder der mehrfachen Sprint-Weltmeisterin Monique Garbrecht, bei Team-Olympiasiegerin Katrin Mattscherodt, Monique Angermüller und allen voran bei der unverwüstlichen Jenny Wolf, Ehefrau Jacqueline Börner natürlich nicht zu vergessen.

Dem Neu-Rentner wurde es nicht an der Wiege gesungen, dass er einmal Weltklasse-Eisflitzer betreut. Er wuchs in Großhennersdorf in der Oberlausitz auf. Eissport wurde dort auf welligen Eis im 25 km entfernten Johnsdorf im Zittauer Gebirge betrieben. „Aber das war für mich als Jungen zu weit. Ich spielte Fußball und stellte mich auch sonst im Sport nicht dumm an. Schlittschuh bin ich nur auf dem Dorfteich gelaufen“, verriet der Startrainer.

Erst an der DHfK in Leipzig wurde er für den Eisschnelllaufsport geworben. In der ehemaligen DDR fehlten zu jener Zeit Nachwuchstrainer. So stieg der gebürtige Lausitzer 1976 in den Trainer-Job beim TSC Berlin ein. Exakt in der Wendezeit stellten sich die ersten Toperfolge ein. Jaqueline Börner holte bei der WM 1990 Mehrkampfgold. Ein Jahr später folgte  Monique Garbrecht mit WM-Gold im Eissprint. 2004 heirateten die Bankangestellte Jacqueline Börner und ihr einstiger Trainer. Thomas Schubert legt allerdings Wert darauf: „Wir haben uns erst lange nach Jacquelines Karriere lieben gelernt. Es war nicht die übliche Trainer-Athletin-Beziehung.“

Thomas Schubert gibt als Trainer nicht den harten Hund. Er lebt mehr nach der Devise „Ruhe und Ausdauer sind die Mütter des Erfolgs.“ Diese Charaktereigenschaft zahlte sich bereits kurz nach der Wende 1990 aus. Schubert war mit seinen Eisflitzern auf dem Rad in der Mark Brandenburg unterwegs. Es war am 15. August als ein Trabant-Fahrer aus Bernau bei Berlin Jacqueline in den Straßengraben fuhr. Diagnose im Krankenhaus. Kreuz -und Seitenbandabriss im rechten Bein, Bruch des linken Fußes! Karriere-Aus für die damals 25 Jahre alte Berlinerin?

Nicht bei Schubi. Selbst wenn es damals noch keine heimliche Liebe war, begann der Trainer mit  ständiger Seelenmassage und nach der Genesung mit vorsichtigem Training bei Jacqueline Optimismus zu verbreiten. Und siehe da! Noch 1991 jagte Jacqueline zum Weltmeistertitel und 1992 in Albertville sogar zum glänzenden Olympia-Gold über 1500.

Seine große Geduld bewies Schubert auch bei Jenny Wolf. In den 90iger Jahren des vorigen Jahrhunderts dominierten die Namen wie Gunda Niemann-Stirnemann, Anni Friesinger-Postma oder Claudia Pechstein die deutsche Eisschnelllaufszene. Wer aber ist Jenny Wolf? fragten die Fans. Die Wölfin hielt sich lange versteckt, um dann umso kräftiger zu zubeißen. Sie pulverisierte gleich mehrmals den Weltrekord und stürmte zu fünf WM-Titeln. Beinahe wäre die Supersprinterin aber nicht zu ihren Rekorden, Titeln und Medaillen gelangt. 1996 sollte sie sogar aus dem Leistungssport aussortiert werden. Jenny ging  nämlich auf den ersten 100 m ab wie die Feuerwehr, kam aber nur selten im Ziel an. Für ihre hohe Geschwindigkeit war die Technik noch nicht ausgefeilt genug. Beim Sprint flog sie fast immer aus der letzten Kurve. Ein Talent wie Jenny schickt man nicht nach Hause, jedenfalls nicht Thomas Schubert. Er nahm die damals 17-Jährige Jenny in seine Trainingsgruppe. Er ‚bremste’ sie, damit sie schneller wird und formte sie damit zum Weltstar und eben zur einst schnellsten Frau der Welt auf Schlittschuhen. Mehr geht kaum!