170719 Onlinebanner 470x70 Eisschnellauf

Training Utrecht SchaatsfotosBunt gemischte Trainingsgruppe in Utrecht. Foto: SchaatsFotosAnpassung und Flexibilität sind angesagt – wer als deutscher Shorttracker Olympia im Visier hat. Das beginnt mit der Sprache, weil die besten DESG-Kurvenflitzer nun in Utrecht bei der niederländisch-amerikanischen Spitzentrainerin Wilma Boomstra ihr Quartier bezogen haben. Der Umzug vom ST-Eldorado Dresden erfolgte einvernehmlich. „Wir waren überrascht, was im Hintergrund für uns gemanagt und auch investiert wurde“ richtet Bianca Walter den Dank an den Verband. Nur so sei eine gute Vorbereitung auf die olympische Saison möglich.

Doch nicht alles läuft planmäßig. Erst verletzte sich der zurückgekehrte Leon Kaufmann-Ludwig (in Kienbaum beim Hürdentraining) am Knie – und musste operiert werden, dann kugelte sich Tom Rietzke während einer schnellen Staffel-Einheit die schon einmal lädierte Schulter aus. Bleiben im Moment die weiblichen Hoffnungsträger Anna Seidel und Bianca Walter sowie Christoph Schubert und Felix Spiegl. Beim jetzt zweiten Oranje-Abstecher dienen drei Bungalows als Domizil. Jeder hat sein eigenes Schlafzimmer – gekocht wird auch separat, „weil jeder seine spezielle Ernährung benötigt“, sagt Bianca Walter, mit 27 Lenzen Mutter der Kompanie.

Der Verband stellt einen kleinen Bus zur Verfügung, Anna Seidel hat ihr altes Automobil nach Utrecht gebracht – aber meistens geht es mit dem Fahrrad zur  Eishalle und zurück. Dort ist die DESG-Olympia-Delegation  der stärkeren von zwei Trainingsgruppen zugeteilt. Um 8 Uhr beginnt die erste Eiszeit, am Nachmittag die zweite. „Nicht, dass wir deutlich mehr trainieren, aber eben anders“, berichtet Bianca Walter. „Und wir sind eine coole Truppe“, die meist auf Englisch kommuniziert.

Wilma Boomstra hätte den deutschen Shorttrackern gerne noch bessere Bedingungen geboten, aber das ist sekundär. „Wer zu den Spielen will…“ nutze diese Gelegenheit, denn die als Kind in den Staaten ausgewanderte und jetzt zurückgekehrte Trainerin gilt als ST-Expertin ersten Ranges. Leon hatte die Oranje-Betreuerin während einer Reha kennengelernt. Sein Eindruck: „Eine wahninnig gute Trainerin, die beste, die es gibt. Für mich eine der überragenden auf der Welt. Sie kümmert sich seit 20 Jahren um Shorttracker. Viele Amerikaner kommen eigens im Sommer zu ihr. Und der grandiose JR Celski wäre ohne sie nicht der, der er ist.“ Bianca Walter vergleicht sie mit der bisherigen Junioren-Bundestrainerin Diana Scheibe. „Menschlich toll, immer hilfsbereit. Sie besitzt ein Mega-Wissen, vor allem was die Technik betrifft.“

Da Wilma Boomstra noch ihren Vertrag bei dem niederländischen Verein erfüllen muss, kann sie bei Weltcup-Einsätzen nicht an der Bande stehen. Das übernimmt Daniel Zetzsche, der im heimischen Dresden den Nachwuchs betreut – inzwischen auch nach den Programmen der Niederländerin.

Bis Februar ist die Unterkunft im „Bos Park“ von Bilthoven gebucht. Der Invitation Cup in Heerenveen läutet am 9. September die heiße Phase ein, drei Wochen später beginnt die Weltcup-Saison mit den ersten Rennen in Budapest. Auf der kurzen Bahn, 111 m lang, hat der große Anlauf der DESG-Shorttracker zu den Winterspielen damit auf unkonventionelle Art begonnen. Dass niederländische Kompetenz Pate steht, passt ins Gesamtsystem, mit Eisschnelllauf-Bundestrainer Jan van Veen und dem neuen Junioren-Coach Erik Bouwman an der Spitze. Jahrelang richteten sich die Blicke ins Schaatser-Paradies, nun nimmt man konkreten Anschauungs-Unterricht. „Und wenn man gut zuhört, versteht man die Sprache immer besser“, findet Bianca Walter. Für sie eine besondere Ausgangslage. „Zweimal habe ich die Spiele verpasst, jetzt wird alles für die dritte Chance gegeben.“ Ein freies Wochenende nutzte sie zur Stippvisite ins geliebte Dresden. „Aber am Montagmorgen ist in Utrecht um 7 Uhr Aufwärmen angesagt…“

Leon: Ich bin Sportler

Leon Kaufmann-Ludwig war wieder nahe dran, am deutschen Shorttrack-Team – nach Schulter-OP und Knieproblemen. Dann ein Sturz beim Hürdentraining in Kienbaum – und diese Diagnose: vorderes und hinteres Kreuzband gerissen, auch Sehnen und Außenband kaputt. Der Münchner meint, dass solche Verletzungen bei einem Skiunfall mit Tempo 120 vorkämen, „aber dass man so viel Kraft beim Springen entwickelt…“ Letzte Woche fand die OP in Augsburg statt, jetzt sitzt er in der elterlichen Wohnung auf Couch oder Bett. Belastungen sind tabu, die Krücken nur eine kleine Hilfe. „Nüchtern betrachtet geht darum, das Knie wieder hinzubringen und sich normal bewegen zu können“, sagt Leon – und verpackt das geschundene Gelenk mit Eis. Der Unglücksrabe ist Realist und hat „Themen, die einem spontan durch den Kopf schießen“ abgehakt. Seine Kalkulation lautet: „Erstes Shorttrack-Training in neun Monaten, es könnte bis zu zwölf Monaten dauern, bis jede Bewegung wieder möglich ist.“ Fußball-Star Sami Khedira hatte mit Kreuzbandrissen fast sieben Monate pausieren müssen - trotz kompletter Rundum-Betreuung. Leon wird von der Mama zur Reha gebracht. Er will sich ab dem Wintersemester mit seinem Studium beschäftigen. Und sagt: „Sportler bin ich nach wie vor…“