Fünfsprachig und wieder im Eis-Modus

28. 05. 2020

Im Moment läuft es für die meisten deutschen Eisschnellläufer. Trainiert wird draußen und (wieder) drinnen. Wie zum Beispiel Katja Franzen aktuell aus Inzell berichtet. Seit Wochenbeginn wohnt und trainiert die 30-Jährige in der Max-Aicher-Arena. Auf dem Rund, wo sonst schnelles Eis für flotte Runden sorgt, brettert man jetzt mit Inlinern über die Rollbahn, der Kraftraum ist geöffnet, Lauf- und Radeinheiten ergänzen das Programm. „Ich werde den ganzen Sommer hier sein“, so die Athletin aus Grefrath (NRW), die aber auch Details einer echten Odyssee zwischen Sport und Beruf nennt.

Interessant allemal, zumal Katja Franzen im vergangenen Winter ihre beste Saison erlebte: DM-Titel über 500 Meter, ins Weltcupteam berufen, Teilnahme an EM und Sprint-WM. Und vorher? Nach dem Abi hatte sie sich auf ihr Studium konzentriert, schrieb sich in Hildesheim für Philosophie-Künste-Medien ein und wechselte über ein Erasmus Austauschprogramm nach Nijmegen, der Sport rutschte in die Nische. Mehr oder weniger sporadisch legte sie sich noch in die Kurven, unterstützt von Marc Otter, ihrem Landestrainer aus Junioren-Zeiten. Aber dann stoppte eine Wirbelverletzung die Aktivitäten auf dem Eis.

Also ran an die Bücher. Und das in vielen Sprachen. Sie lebt mit ihrem Freund in Eindhoven, der Anrufbeantworter parliert niederländisch, ihre Homepage informiert auf Englisch. Spanisch und Französisch fällt ihr auch leicht, bei den letzten Weltcup-Abstechern gen Osten probierte sie Russisch. Das diente auch als Basis für den Start ins Berufsleben. Heute nimmt ihr in Holland gemeldetes Unternehmen „Taalspiel“ (Sprachspiel) Übersetzungs-Aufträge entgegen. Und damit finanzierte sich die Sportlerin.

„Ich war für längere Zeit nur auf wenigen Wettkämpfen. Aber die nicht so sportorientierte Phase bereue ich nicht, habe andere Sachen gelernt und dafür auf dem Eis etwas liegen lassen.“ Jetzt widmet sich die Neo-Bayerin, die sich im vergangenen Jahr dem DEC Inzell-Frillensee anschloss, pro Tag „nur ein paar Stunden“ angefragten Übersetzungen. Und lobt die guten Bedingungen im Chiemgau. „Für mich der beste Stützpunkt“, sagt sie – die Zusammenarbeit mit Stützpunkt-Coach Andreas Kraus passt im physischen, technischen und kommunikativen Bereich.“

Durch die Erfolge in der letzten Saison stieg Katja Franzen in den Kader der DESG auf, sie lernte die Bundestrainer kennen und darf sich demnächst auf Sporthilfe-Unterstützung freuen. Wenn die Unwägbarkeiten in der Krise nicht wären. Das geplante Sommer-Eis in der Arena bleibt fraglich, vielleicht kann zumindest die kleine Eishockey-Fläche zu Shorttrack-Einheiten vereist werden, hofft sie. Und blickt weiter nach vorne. Es gäbe viel zu verbessern. „Meine Startzeiten sind ziemlich schlecht, bei der Reaktion lassen sich sicher ein paar Zehntel rausholen.“ Das aktuelle Pensum ist deutlich anspruchsvoller als ihr früheres eigenständiges Training.

Das soll sich auszahlen. „In der A-Gruppe starten“ lautet ein Ziel des Sprachentalents auf Schlittschuhen. Die Qualifikation für die nächsten Winterspiele 2022 – und „dann in die Top 20 reinlaufen.“ Das wäre dann in Peking, bis dahin spricht sie sicherlich nicht nur ein paar Brocken Chinesisch.

 

Foto: Katja Franzen: noch ein paar Zehntel rausholen. Foto: Michiel Stoets